Der Status quo im Webdesign

Letztes Artikel-Update:
16. September, 2019

Webdesign ist tot. Lang lebe Webdesign – Ja was denn nun genau? Wie so oft liegt die Wahrheit dazwischen. Den aktuellen Stand des Webdesigns erklärt dir dieser Artikel.

Die Welt ist im Wandel. Sie wird immer schneller, komplexer und unübersichtlicher.

Auch und vor allem in der Online-Welt spiegelt sich diese Entwicklung und subjektive Wahrnehmung wieder.
Auch im Webdesign ändern sich regelmäßig Trends, neue Techniken, Programme und Apps kommen dazu, sowie veränderte und gestiegene Anforderungen.

Und dann gibt es nicht wenige Stimmen, die behaupten „Webdesign sei tot“, bzw. die Automatisierung (gerne auch „Arbeit 4.0“ genannt) werde auch die Tätigkeit eines Webdesigners zukünftig überflüssig(er) machen.

Wie steht es also eigentlich genau um die Thematik Webdesign?

Webdesign ist tot

Oder: Wer braucht überhaupt noch eine Website?

Alles was aktuell in der Online-Welt zu zählen scheint ist Content. Ohne Content-Marketing geht nichts mehr, ohne eine Content-Strategie scheint kein Unternehmen mittelfristig wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Dazu wandern immer mehr Inhalte in die sozialen Netzwerke, vor allem, weil die Leser dort unterwegs sind und klassische Websites gar nicht mehr so gerne besuchen möchten. Dies ist natürlich auch das Ziel der Netzwerke, die Leser im eigenen Kosmos zu behalten und nicht durch Links nach „draußen“ zu verlieren. So kommt auch immer wieder mal die Meinung auf, dass es ausreichen würde eine Facebook Fanpage zu betreiben und eine eigene Corporate Website eigentlich verzichtbar sei.

Alles sieht gleich aus

Es gibt diese unverkennbare Entwicklung, dass sich Websites immer mehr angleichen: Die Navigation ist in einem oberen Balken, bleibt beim Scrollen oft stehen, darunter steht ein großes formatfüllendes Bild zentriert, überlagert von einer Headline und einem Call-to-Action-Button. Das Bild ist austauschbar, zeigt mal einen Nutzer beim Bedienen eines Tablets oder Smartphones oder liefert Eindrücke eines Büros mit angeschnitten Personen.
Darunter folgen drei Spalten, die jeweils von einem großen Icon eingeleitet werden gefolgt von etwas Fließtext. Dann kommt zur Abwechslung ein farbiger Balken, der über die volle Bildschirmbreite ragt. Und so weiter…

Typischer Webseitenaufbau.
Der typische Webseitenaufbau, wie ihn heutzutage viele Websites haben.
Immer mehr Standard-Webseiten.

Trends und Entwicklungen wie das sog. Flat-Design aber auch das responsive Design haben dafür gesorgt, dass Websites und die Anordnung der Inhalte eher einem bestimmten bewährtem „Muster“ folgen.

Vor allem aber sind die zahlreichen Templates und Themes dafür mitverantwortlich. Für geringe Kosten lässt sich mit diesen recht schnell eine moderne Website erstellen, optisch zeitgemäß, responsiv und mit dem ein oder anderen Effekt (z.B. Parallax) versehen. Nicht selten verlangen Kunden auch nach genau solch einem Webseitendesign, da sie es bei anderen gesehen und für gut befunden haben.

Austauschbar Websites
Austauschbar Websites: Der Aufbau ist so ähnlich, dass eine Unverwechselbarkeit kaum noch gegeben ist.

Wir alle kennen diese Seiten und haben sie schon hundertfach gesehen. Websites gleichen sich an und werden homogener. Man könnte es auch austauschbarer nennen. Nach dem Motto:

Kennst du eine Website, kennst du alle.

Automatisiertes Webdesign

Die Webdesign-Templates haben nicht nur die Folge, dass sich Websites optisch angleichen. Sie nehmen dem Webdesigner auch jede Menge Arbeit ab. Die umfangreiche technische Entwicklung verschiedener Seitenvorlagen, die Einbindung unterschiedlichster Effekte, die Optimierung für verschiedene Browser und Endgeräte – all das kommt sozusagen von Haus aus mit. Alles Aspekte, die bei individueller Umsetzung sehr viel Ressourcen, Zeit und damit auch Budget kosten.

Die Templates sind in den letzten Jahren immer umfangreicher geworden, bieten immer mehr Optionen an – das Design und die Funktionalitäten betreffend – so dass kaum ein Kundenwunsch nicht mehr mit ihnen erfüllt werden könnte.

Moderne Webdesign-Templates
Mit wenig Klicks unendlich Möglichkeiten: Die modernen Webdesign-Templates bieten für (fast) jeden Geschmack etwas an.
Webseiten-Templates und Baukastensysteme im Webdesign.

Und selbst die „Homepagebaukästen“ haben in den letzten Jahren einen Qualitätssprung gemacht. Die hiermit generierten Websites haben zumindest teilweise wenig mit den eher unangenehmen Designs früherer Tage zu tun haben.

Interessant ist hier vor allem das US-Startup The Grid. Hier wird gar kein Webdesigner mehr benötigt. Das System analysiert dank Algorithmen eigenständig die Inhalte der Website und erstellt automatisch eine individualisierte, auf den Content zugeschnittene Website. Farben, Typo, Layout muss dann kein Designer oder Programmierer mehr festlegen und umsetzen, sondern werden automatisiert erstellt und vor allem optimiert.

Unternehmen können also aus schönen Templates und simplen Baukastensystemen auswählen, wenn sie denn überhaupt noch eine eigene Website brauchen.

Zeit also für Webdesigner sich so langsam nach einem neuen Berufsfeld umzusehen?

Es lebe Webdesign

Oder: Es lebe die eigene Website

Man bräuchte keine eigene Website mehr?
Wer erzählt eigentlich so einen Quatsch! Ich würde eher behaupten, dass es noch nie so notwendig und so wichtig war, eine eigene Website zu haben wie heutzutage – womit ich mich nicht allzu weit aus dem Fenster lehne und auch nicht der erste bin, der dies behauptet.

Die eigene Website ist die Basis für den Online-Erfolg.

Klar, die sozialen Netzwerke ziehen Leser magisch an. Natürlich ist es einfacher, wenn man in diesen Netzwerken unterwegs ist, auch direkt dort die benötigen Infos über ein Unternehmen, Produkt oder Dienstleistungen zu bekommen. Aber diese ersetzen nicht die eigene Website, sie ergänzen sie vielmehr.

Egal, ob Global Player oder Existenzgründer – die eigene Website ist die Basis des Online-Marketings. Alle anderen sind schließlich fremde, externe Plattformen. facebook will DEINE Inhalte gleich behalten und damit machen können, was es will. Und weißt du, was facebook morgen oder übermorgen vorhat? Oder ob es das Netzwerk in dieser Form dann überhaupt noch gibt?

Der Bedarf an guten Webseiten scheint mir – zumindest aktuell – fast unerschöpflich. Zum einen verlangt es die rasante Entwicklung, dass alle drei, vier, fünf Jahre ein größerer Relaunch sein muss/sollte. Dann gibt es tatsächlich noch Unternehmen, ok es sind vor allem die kleineren, nicht selten Handwerksbetriebe oder Restaurants, die noch gar keinen Internetauftritt haben. Und dann gibt es unzählige von den Unternehmen, die zwar einen haben, der aber inhaltlich, optisch und technisch nicht mehr zeitgemäß ist, um es mal halbwegs positiv zu formulieren.

Die eigene Website ist die Basis für den Online-Erfolg.

Es könnte gleich aussehen – muss es aber nicht

Ja, Templates können die Arbeit vereinfachen. Ja, Templates sorgen dafür, dass sich so verdammt viele Websites gleichen.

Sie sind hier Segen und Fluch zugleich.

Denn bei der Überlegung, warum diese Templates so erfolgreich sind, also so häufig eingesetzt werden, ist alleine der Kostenfaktor zu kurz gegriffen. Diese Templates greifen meistens auf Design-„Muster“ zurück, die sich bewährt haben. So kann ein formatfüllendes Bild samt Headline gleich die Kernaussage der Website vermitteln. Der Elevator Pitch und der erste Eindruck können so schnell und effektiv beim Leser wirken.

Und trotzdem ist ja nach wie vor ein individuelles Webdesign möglich und oft auch notwendig!

Die folgenden drei Beispiele zeigen, wie individuell Webdesign sein kann:

status-quo-im-webdesign
status-quo-webdesign
webdesign-status-quo

Wer sich der Bedeutung und Notwendigkeit eines unverwechselbaren Desings bewusst ist, der wird auch das Budget dafür locker machen. Für alle anderen gibt es eben trotzdem ansprechende Websites, die halt eben nur nicht so individuell sind.

Webdesign wird automatisierter – und komplexer

Die Beispiele zeigen zwar, dass sich im Webdesign eine Menge verändert und dass die Programmierung von eigenen Websites im Grunde nicht mehr zwangsläufig nötig wäre. Aber es verändert sich ja im Grunde ständig jedes Berufsfeld im Bereich der Online-Medien.

Die Webseitenerstellung ist einfacher geworden. Das Umfeld aber komplexer.

Die Templates vereinfachen vieles, auch für Webdesigner. Viele Arbeiten, die viel Zeit gekostet haben, müssen so nicht mehr per Hand bei jedem Projekt aufs neue erledigt werden.

Die so freigewordene Zeit lässt sich entweder vom Budget abziehen, wodurch eben auch qualitativ hochwertigere Websites günstiger anzubieten sind, als das noch vor ein paar Jahren möglich war.

Oder die Zeit (und damit das Budget) wird in andere Aufgaben gesteckt. Denn die Erstellung von Websites mag zwar einfacher geworden sein, das „Umfeld“, in dem sich Webdesign bewegt ist aber immer komplexer geworden.

Was widersprüchlich klingt, ist eigentlich gut nachvollziehbar. Es gibt immer mehr Aspekte, die bei der Webseitenplanung, -gestaltung und -umsetzung beachtet werden wollen: Responsive Design, Webstandards, Barrierefreiheit, Traffic, Conversion, Content Marketing, Branding, SEO, Lesbarkeit, Ladezeit, User Experience und viele mehr spielen zusammen und ergeben erst in der Einheit eine effektive Website.

Die Webseitenerstellung ist einfacher geworden.
Das Umfeld aber komplexer.

Status quo Webdesign

Das Webdesign hat sich verändert. In der breiten Masse sind Websites heutzutage qualtiativ hochwertiger und optisch ansprechender als noch vor wenigen Jahren.

Fähigkeiten eines Webdesigners.

Gleichzeitig ist der Bedarf an guten Websites ungebrochen hoch. Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – des Content-Booms.

So ist trotz der immer mal wieder aufkommenden Prognosen, dass sich unser Berufsstand abschafft, bzw. durch die technische Entwicklung unnötig wird, der aktuelle Bedarf an guten Webdesignern so groß wie selten, vielleicht wie bisher nie zuvor.

Gerade in der individuellen Umsetzung sind die Fähigkeiten und das Wissen eines erfahrenen Webdesigners notwendig.

Die Rolle des Webdesigners mag sich dabei etwas verändern: Weniger der technisch gestalterische „Umsetzer“, mehr hin zu einer beratenden und konzeptionellen Tätigkeit.

Manche nennen es auch weg vom reinen Screen-/User Interface-Designer hin zum UX-Designer (User Experience Designer). Es kommt also für den Webdesigner nicht mehr nur auf das reine Design an, also wie etwas aussieht. Seine Rolle wird sich dahingehend verändern, wie etwas funktioniert. Also neben dem Layout die Aspekte der Informationsarchitektur, der Benutzerführung und Interaktion.

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Kommentare zum Artikel

13 Kommentare zu „Der Status quo im Webdesign“

  1. Sehr interessanter Artikel. Für viele Kunden sind die wichtigen Vorteile leider nicht automatisch ersichtlich. Content ist derzeit das wichtigste an einer Webseite!

  2. O.k. Ihre Gedanken sind einleuchtend. Aber ich glaube, dass die sozialen Netze mit der eigenen Internetpräsenz verbunden werden müssen. Idealerweise soll z. B. der Facebook-Nutzer auf der Facebook Seite bleiben und trotzdem Anfragen oder Bestellungen ect. durchführen können, die direkt im eigenen System landen – also unabhängig von fb.
    Vielleicht haben Sie hier weitere Ideen – ich würde mich freuen, mehr zu erfahren

    1. Gibt es das mit Facebook Commerce nicht bereits!?
      Das ist dann zwar ein neuer Verkaufskanal, aber unabhängig von fb dann natürlich nicht…

  3. Interessante Artikel! Das, was du als Gestaltungsraster umschrieben hast, gab es schon immer und zwar im Printbereich. Jedes Zeitschrift hat ein Basisgrid, mit 2, 3 oder 4 Spalten und mehr oder weniger Platz für ein „Openingsfoto“ usw. Das kann man auch in deinem Showcase erkennen. Die Kunst für den Designer besteht darin, dieses Grid mit einer individuellen Gestaltung und Funktionalität zu füllen. Allerdings wird es tatsächlich immer schwieriger, Kunden davon zu überzeugen, dass der eine klare Positionierung braucht und diese auch konsequent in seinem Design umsetzen sollte. Das Web ist leider voll von Anbietern wie „99 designs“ die mit Billigpreisen ködern und das macht es für Designer nicht einfacher. Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

    1. Auch im Webdesign gibt es Gestaltungsraster schon immer/lange (siehe das 960-Grid-System). Es gab ja auch mal den Web 2.0-Trend, da sahen viele Webseiten auch sehr ähnlich aus.
      Du hast Recht, die „Kunst“ besteht darin, dieses individuell für das jeweilige Projekt passend zu füllen. Das war früher so und ist heute auch noch so.

  4. Pingback: Webdesign Lieblinks – Januar 17 | hahnsinn – Webdesign in Leipzig

  5. Hallo Martin,
    ein sehr guter Artikel, besonders der Aspekt mit den gleich aussehenden Websites. Mich nervt es wirklich schon, immer die gleichen und austauschbaren Websites zu sehen. Man muss aber sagen, dass diese von der Usability schon recht gut sind und das ist auch ein Punkt auf den Wert gelegt wird. Aber ich denke es wird sich auch ändern und die Leute, bzw. Kunden werden mit Wünschen ankommen, dass sie mal etwas anderes haben wollen um sich abzuheben. Es ist nur eine Frage der Zeit und ich hoffe das ist alles bald vorbei 😀

    Ein für mich wichtiger Aspekt, den man dem Kunden auch erklären kann ist, dass diese Templates einfach überladen sind, was sich auf die Performance und auf das google Ranking auswirkt. Wir hatten letztens den Fall, dass ein Template genommen wurde (one pager und nur HTML Seite ohne CMS), was im Performance Test 22% erreicht hatte … nach Optimierung haben wir es auf 50% bekommen 😀 … Der Kunde wird dann schon merken was sein billiges Template für Krankheiten mitbringt.

    Ich finde es aber auch schlimm, dass sich manche Webdesigner nennen, die nur ein WordPress-Template per CSS ändern, oder sogar noch Schlimmer, sind Agenturen die nur so arbeiten. Der Kunde weiß in den meisten Fällen auch gar nichts davon und freut sich nur über seine günstige Website. Das er am Ende über den Tisch gezogen wird, scheint ihm anscheinend egal zu sein.

    1. Hallo Daniel,
      danke für deinen Kommentar.
      Ich kenne es auch aus der eigenen Praxis. Kunden verlangen teilweise schon direkt nach solchen Templates, oder deren Anforderungen.
      Aber den Performance-Nachteil sollte man auf jeden Fall erklären und Alternativen aufzeigen.
      Und ja, ich bin durchaus auch überrascht, wie viele Agenturen solche Templates für Kunden einsetzen, bzw. für die Agenturwebseite selber…
      Wichtig ist, denke ich, eine ehrliche offene „Aufklärung“: Vor- und Nachteile möglicher Templates und Zeit- und Kostenaufwand – gerade auch im Vergleich zu individuell programmierten Themes.
      Gruss
      Martin

  6. Schöner Artikel Martin!

    Ich kann mir ein seriöses Unternehmen ohne eigene Webseite absolut nicht vorstellen, deshalb bin ich mir sicher das wir Webdesigner auch in den nächsten Jahren noch genügend zu tun haben.

    Gerade jetzt ist es aber wichtig, sich von dem Alltagsdesign vieler Webseiten abzuheben. Vorgefertigte Templates halte ich aber deshalb nicht per se für schlecht. Sofern dies im Voraus mit dem Kunden abgesprochen wird, spricht in meinen Augen nichts gegen den Einsatz eines angepassten Templates. Vor allem wenn das Budget knapp ist, kann das durchaus Sinn machen. Natürlich sollte man dann aber auch mehr machen, als einfach Demo-Daten aus dem Theme zu importieren und schnell das Logo auszutauschen.

  7. Ich kann mich dem nur anschließen – viele Designs sehen gleich aus und teilweise kopieren deutsche Websites die Designs von englischen und kopieren teilweise sogar die Designs 1:1 nur mit deutschen Inhalten. Die Notwendigkeit einer eigenen und originellen eigenen Website wird damit zunehmend essentieller für den Onlineerfolg. Toller Artikel!

  8. Pingback: Umfrage & Gewinnspiel - Webdesign Journal

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Über den Autor

Martin Hahn ist Webdesigner, Dozent, Fachbuchautor und dreifacher Papa.
Seit vielen Jahren hilft er anderen effektivere Webdesigns zu erstellen – in Schulungen und mit Artikeln auf dieser Website.

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